Konzentration auf Transparenz, Angemessenheit und soziale Sicherheit.
Ist diese provokante Aussage tatsächlich zutreffend? Viele Arbeitgeber betonen, dass Lohngerechtigkeit in ihren Unternehmen gewährleistet sei. Dennoch: Die Behauptung, ein gerechter Lohn sei eine Illusion, ist im Kern richtig. Denn Gerechtigkeit lässt sich nicht in Geld bemessen. Schon Aristoteles stellte fest: „Gerechtigkeit besteht nicht darin, allen das Gleiche zu geben, sondern jedem das Seine.“
Doch warum wird es auch im Jahr 2026 für Unternehmer schwierig bleiben, ihre Mitarbeitenden „gerecht“ zu entlohnen? Die Gründe sind vielfältig:
Subjektivität von Gerechtigkeit
Gerechtigkeit ist kein universelles Mass, sondern eine normative Vorstellung, die kulturell, historisch und individuell geprägt ist. Was für den einen gerecht erscheint, empfindet der andere als unzureichend. Ein Manager mag seinen Bonus als gerecht ansehen, während die Angestellten ihn als unverhältnismäßig empfinden.
Unterschiedliche Wertmassstäbe
Wie bemisst man den Wert einer Arbeit? Nach Zeitaufwand, Verantwortung, Risiko, Ausbildung oder gesellschaftlichem Nutzen? Ist der Leiter Marketing in einer Unternehmung «wertvoller» als der CFO, d.h. dieser sollte daher auch höher entlöhnt werden. Beide sind für eine Unternehmung unverzichtbar, und dennoch werden sie unterschiedlich entlöhnt. Jede Bewertungsgrundlage führt zu anderen Ergebnissen.
Marktmechanismen statt Moral
In der Realität wird Lohn primär durch Angebot und Nachfrage bestimmt, nicht durch moralische Erwägungen. Knappheit, Verhandlungsmacht und wirtschaftliche Rahmenbedingungen beeinflussen die Höhe des Einkommens jedoch um einiges stärker als der „gerechte“ Beitrag zur Gesellschaft.
Dynamik und Vergleich
Selbst wenn man einen „gerechten“ Lohn festlegen könnte, wäre er nicht statisch. Inflation, technologische Entwicklungen und gesellschaftliche Erwartungen verändern die Massstäbe ständig. Zudem entsteht Unzufriedenheit oft durch Vergleiche: Was gerecht erscheint, hängt davon ab, was andere verdienen.
Bonuszahlungen sind umstritten. Sie können gerechtfertigt sein, wenn sie an klare Leistungsziele geknüpft sind. Sie motivieren, steigern Produktivität und fördern die Beteiligung am Unternehmenserfolg. Doch sie bergen Risiken: Ungleichheiten, fehlende Transparenz und die Gefahr, dass kurzfristige Ziele über langfristige Strategien gestellt werden. Experten sind sich weitgehend einig: Boni erhöhen die Lohngerechtigkeit nicht und sind kein Garant für nachhaltige Mitarbeiterzufriedenheit.
Der gerechte Lohn bleibt eine Illusion. Statt nach absoluter Gerechtigkeit zu streben, sollten wir uns auf Transparenz, Angemessenheit und soziale Sicherheit konzentrieren. Ein System, das Mindeststandards garantiert und extreme Ungleichheiten begrenzt, ist realistischer als die Suche nach einer universellen Formel für Gerechtigkeit.